Aus Mariannes Leben

 

 
Aus Marianne's Leben
 
Margarete

In unserer Ausbildungszeit hatten wir eine Lehrerin,
die gerne reiste. Fremde Kontinente zogen sie magisch an.
So war sie mehrmals in den vier nicht europäischen Ländern und kannte Sitten und Gebräuche vieler Völker.
Sie hatte Löwen in Afrika brüllen gehört und war auf
Kamelen durch einige Wüsten gezogen,  hatte in heißen
Zonen tüchtig geschwitzt und in Grönland vor Kälte „gebibbert.“  Sie pflegte nicht nur ihre
„literarischen Künste“ in Form von Gedichten und Theaterstücken zu verwirklichen, sondern hatte auch
regen Kontakt zu allen möglichen Geistlichkeiten - Ordensleuten und sonstigen Würdenträgern,
wovon sie  geistig stark beeinflusst wurde.
Es ist hier nicht an geistige Getränke gedacht,
wie etwa „Ettaler Klosterlikör ." :-)  Margarete war
immer „IN!“ Kurzum, sie war eine typische
Zwillingsfrau und allen interessanten Begegnungen
zugetan. Dieses quicklebendige Persönchen, zierlich, Schuhgröße 35,5 und  1,55 groß, hatte rote runde Apfelbäckchen und blaue, treue Augen.
Wenn sie durch den Park der Schule ging, wir sahen sie vom
Fenster aus in der allerletzten Minute ankommen,
schaute sie irgendwohin zur Erde, war aber in der
Ferne, wie in einem Traum und bewegte dabei ständig
ihre Lippen und ihr Kopf wiegte sich leise zu den
Gedanken ihres Herzens. Sie sprach mit sich.
Anscheinend reimte sie wieder oder sie dachte an ihre
armen Rumänen in fernen Landen, die sie tatkräftig unterstützte. Sie schwebte sehr oft in anderen Regionen.

Das bemerkten wir auch im Unterricht, der sehr
schöpferisch gestaltet war. Sie kam ständig vom
Thema ab. Fiel ein Stichwort, hatte sie prompt einen
neuen, wesentlich interessanteren Gesprächsstoff,
als zum Beispiel "Jugendliteratur."

Im Werkunterricht erklärte sie mit Händen und
allen möglichen Gesten, wie ein Pferd
zu modellieren sei und tat das in ihrer Muttersprache,
nahe dem Kölner Dialekt. Hier ihre Pferdbeschreibung! ... „Dann machen se dat e-so un e-so, ( damit zeigte sie die hinteren Rundungen an,)  und dadran ise de Schwanz. ( Schweif) !Diese malerisch-anschauliche  Art ihres
Unterrichts brachte uns manches heitere
Amüsement. Sie konnte
uns aber auch arg in Verlegenheit bringen, doch
geschickt und pfiffig wie sie war, redete sie sich mit
perfekt ausgeführten Charme`  durch die
„angefallenen Ausfallerscheinungen.“
Dazu gehörten intelligenter Humor und  Flexibilität.
Sie besaß alles.Einmal kam ein  amerikanischer Offizier hohen Grades ( Besatzungszone der Amerikaner nach dem verlorenen Kriege nach 1945)  als Kontrollperson - unangemeldet mitsamt der Direktorin der Schule in unserem
Klassenraum. Sie hatte gerade noch von süßen Puddingerlebnissen in England erzählt. Sie begrüßte ihn sehr keck, und dann folgte der weitere Unterricht: Wir sprachen gerade in der Jugendliteratur über Karl May. Marianne, machen sie doch bitte einen Vergleich zwischen den
Indianerbüchern von Karl May und Fritz Steuben.“

14 Tage zuvor hatte sie mich für ein Referat
über das Thema ausgewählt, welche ich in 6 Wochen
zu halten hatte. Als 13 -jährige hatte ich die Bücher über Winnetouw gelesen. Was ich gestottert habe, weiß ich nicht mehr, aber die Situation wurde gerettet… irgendwie!

Kurz vor ihrem Tode rief ich sie noch einmal an,
um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Sie antwortete: Ah, Marianne, -
Juut!  Ich bin eben von de Löwen aus Afrika zurück.“
Ich meinte : “ Nun haben sie den Erdball doch schon
mehrmals umrundet. Eigentlich könnten Sie sich
doch jetzt einmal auf eine Reise zum Mond
konzentrieren!“  Schlagfertig, wie immer,
antwortete sie: „ Ja, habe ich gerade gebucht.“


Das war Margarete. Wir haben sie alle geliebt.
Margarete schreibt ein Theaterstück…

Jedes Jahr und für jede Unterstufe des Fachklassen, schreibt Margarete ein Märchenstück, welches die Schülerinnen im Sommer zur Aufführung bringen sollen.

Erklärungen:
Unsere Schule war 
nach der Ausbombung umgezogen in eine „Notunterkunft.“
Sie besteht noch heute und ist ein schlossartiges Patrizierhaus mit spitzem Turm im großen Waldgelände, umgeben von einem ausgetrockneten Wassergraben. Eine lange Holzbrücke führt über diesen zum Eingang.
Es ist romantisch, dieses Haus. Holzgetäfelt sind die Wände. Eine Wendeltreppe führt in den Turm. Man könnte den Rhein sehen! Natürlich war der Zugang mit einem wunderschönen dicken, alten Schmuckseil für uns gesperrt.

Margarete hatte Pechvogel und Glückskind nach V.L. für uns geschrieben und die Rollen verteilt.

Personen und  ihre Darsteller:

Hauptdarsteller:

Glückskind: Die naturblonde, liebliche Prinzessin mit ihren vielen Gespielinnen…
Pechvogel:    Eine große, schlanke Schwarzhaarige  mit Freunden, den  anderen Gassenbuben
König:          Wohlbeleibt, weißblondgelockt, hellhäutig mit rosigem Teint…

Nebenrollen:

Räte:         Viele Klassenkameradinnen in ihren schwarzen Talaren…
Sterndeuter:   Sehr schlank und bleich…

Alte Muhme mit ihrer Freundin: „Klatschtanten“ und- und- und.
Kulissen: Umgebende Gebüsche, mächtige Baumstämme, ausgetrocknete Gräben,  viele hohe, riesige Steine auf der Wiese - und ich weiß nicht, was alles noch…
Tolle entliehene Garderobe aus dem Fachhandel

Irgendwo „geistert“ auch Margarete im Gebüsch, die Regie führend und aufgeregt  flüsternd zur Unterstützung:

Ca 150 Gäste sitzen auf der Wiese: Direktorin, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern der Schüler sämtlicher Klassen…

„Alles verläuft reibungslos. Das Glückskind jauchzt und scherzt, singt und tanzt mit den Gespielinnen, bis es sich in den Pechvogel verliebt… natürlich unglücklich…klar doch!  Man stelle sich vor: Königstocher liebt Straßenjungen!
„Man“ hat es bemerkt und diesen Umgang unterbunden… Folgen: Tränen! Krankheit. Der König rast, weil er nicht von dieser Liebe weiß und rauft sich die bekronten blonden Locken. Der Sterndeuter schaut ins Rohr… in den „sonnigen“ Himmel !

Die Räte treten nacheinander auf: Sie haben sich beraten und sie treten vor... ehrergiebig sich vor dem hohem Haupte verneigend... Der eine meint: Prinzesschen hat die Masern.

Masern?…O, das arme Kind! Der König ist verzweifelt…Der andere meint... "Prinzesschen hat sich verliebt...
ich sah, da saß ein Bube hinter einem Strauch!"

Der König schreit und reckt die Hände gen  Himmel … "O Gott, sie hat die Liebe!" .... und dann passiert es:
Der  würdige Ratsherr tritt zurück, etwas zu weit, und er fällt rückwärts über einen der mittelhohen Steine. Seine  Beine fliegen mit ihm in die Lüfte.

Stille des Entsetzenz! … und dann… das befreiende Gelächter in den Gräben, Büschen und im Publikum...

und nur Margarete ringt nach Luft und um ihre Fassung und  steht urplötzlich wild gestikulierend mitten auf der Wiese…ohne Kostüm versteht sich und schreit : „ Haltung - Haltung - Haltung !!!
Wir bleiben in den Kulissen und lachen noch mehr…
Der weise, weiße Perücken-Ratsherr steht auf, mit Hilfe der anderen weißschwarzen Würdenträger, sammelt seine unverletzten Knochen zusammen und  lebt, und auch er lächelt...weil er lebt.
Gott sei Dank!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

Der Rat lebt noch.

Und ich grüße nun Margarete mit den roten Pausbäckchen als weißbekleideten Engel im Himmel…


 
 
 
©opyright  Marianne R.
 
Neues von Margarethe
 
( meine ehem. Lehrerein in der
Ausbildungszeit zur
 Kindergärtnerin 1946-48)
 
 
 
 
Wir schreiben das Nachkriegsjahr 1946
 
Margarethe hat Nierenschmerzen.
 
Heute trägt sie einen dunklen Pullover, einen abgetragenen alten Rock, und ihre Wangen glänzen rötlich neben ihrer kleinen Stupsnase. Selbstgedrehte blonde Fingerlöckchen umrahmen ihr träumendes Engelsgesicht.
 
Der Unterricht beginnt mit dem Satz:
„Ach, ich hann’e  so schlimme Nierenschmerzen.
 
Das erklärt den rotweißgrünen Wollschal um ihre Hüften, gehalten von einer beachtlich großen, silbern scheinenden Sicherheitsnadel.
 
Literaturkunde
in einem kleinen, fast ungeheizten Raum!
 
Wir warten etwas belustigt und gespannt,
was denn heute Margaretens Engelsmunde entspringt.
 
Sie wünscht sich zu Beginn ein Lied:
„Lass mich nur auf meinem Sattel gelten. Bleibt in euren Hütte, euren Zelten, und ich reite froh in alle Ferne, über meine Mütze nur die Sterne.“
 
Das Lied passt zu ihrer so sportlichen Kleidung. Es fehlt nur noch das Pferd.
 
Und dann lesen wir von Maria Stuart, denken dabei an unsere Zeichenlehrerin, die die rechte Statur für diese Figur hätte und sich mit Stuartkragen prächtig machen würde.
 
Im Nebenraume dampft schon die Erbsensuppe und wohlige Gerüche schleichen sich in Nasen und Mägen. Wir warten auf die Türe, die sich öffnen und uns zum köstlichen „ala card“ Menü einlädt.
Es rasseln die Aluminiumbehälter in der Warteschlage. Auch Margarete hat ein Töpfchen in der Hand.
 
Wir stärken uns auf den Fensterbänken, darunter die nur etwas Wärme spendende, fuß - und beinfreundliche Heizung ihre schwachen Dienste absolviert und lassen es und mit murmelndem Geschwätz und Gekicher munden, wir, die „lieblichen Töchter“ vom „Haus Neuenhofen,“
in der unsere Schule „evakuiert“ ist und das mit seinem runden Türmchen wie ein kleines Schloss wirkt.
Dann gehen wir gestärkt in den Nachmittag.
 
Margarete ist vergnügt und munter, und dabei entdecken wir  plötzlich, wie bei unserem Pausbackenengel Margarete, schlimme Nierenschmerzen aussehen.

 

 

 
 

 


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